Mittwoch, 17. September 2014

Das "verschwundene" Jahrhundert

Mein Kollege Carl-Hans Hauptmeyer hat in der hannoverschen Zeitschrift „Stadtkind“ einen leicht ironischen Artikel über den aktuellen „Royals“-Hype in Hannover geschrieben. Tenor: 1913 wurde noch groß das bürgerliche Hannover zum 100-jährigen Jubiläum des Rathauses gefeiert und nun wird die Gegenpartei gleichfalls bejubelt, dabei spielte die Personalunion gar keine Rolle für die Stadt. Als ich das gestern gelesen habe, musste ich an den folgenden Text denken, den ich im Sommer in Dresden mal so nebenbei geschrieben und dann vergessen hatte, der im Inhalt eine andere Aussage enthält, aber derselben Irritation über die leicht irrationalen Feiern zur Personalunion geschuldet ist.
 
Die Überschrift soll irritieren. Natürlich gab es das 18. Jahrhundert. Wenn man aber berücksichtigt, welche Entwicklungen im 18. Jahrhundert stattfanden, dann erfassten davon einige wichtige Hannover, die Stadt und das Kurfürstentum, eben nicht, sie kamen hier schlicht nicht vor. Blicken wir kurz ins 17. Jahrhundert. In einigen europäischen und deutschen Staaten stärkten die Fürsten ihre Macht gegenüber regionalen Gewalten, insbesondere gegenüber den Ständen, die weitgehend die Steuereinnahmen der Territorien kontrollierten. Die Abschaffung ständischer Steuerbewilligungsrechte mündete in das, was wir mit Absolutismus beschreiben (dass dieser Begriff eher problematisch ist, soll hier nur angedeutet werden). Gleichzeitig investierten die Fürsten in ihre Residenzen und Hauptstädte. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Prozess massiv voran getrieben. In Kurhannover gab es Ende des 17. Jahrhunderts vergleichbare Entwicklungen. Sie wurden allerdings mit der Personalunion und dem Weggang des Herrschers abrupt unterbrochen. Die Landstände (und das heißt faktisch der Adel) behielten hier ihre Macht, Hannover wurde als Haupt- und Residenzstadt nicht weiter entwickelt. Die Stadt war am Anfang des 18. Jahrhunderts unbedeutend und sie war es auch noch Anfang des 19. Jahrhunderts.
Das fällt besonders im Vergleich mit anderen Residenzstädten auf, wenn man sich allein die Bevölkerungszahlen ansieht (ich nehme hier die bei den Wikipediaartikeln zur Einwohnerentwicklung angegebenen Zahlen, wobei es im Falle Hannovers keine Daten für 1700 gibt, und runde sie zuweilen ab oder auf).


Berlin verdreifachte seine Einwohnerzahl im 18. Jahrhundert von etwas über 50.000 auf über 172.000; in München gab es 1800 mehr als anderthalb mal so viel Einwohner wie 1700 (40.450 zu 24.000), in Dresden gab es fast wie in Berlin fast eine Verdreifachen (21.300 zu 61.800). Und in Hannover? Dort gab es um 1700 ca. 11.000, 1766 11.800 Einwohner und 1811 16.800 Einwohner. Mit anderen Worten: In der späteren Hauptstadt des Landes Niedersachsen geschah innerhalb eines Jahrhunderts - nichts. Damit nicht genug, selbst im regionalen Vergleich war die Stadt zweitrangig. Für Braunschweig werden in der Wikipedia für das Jahr 1671 15.570 Einwohner angegeben, für 1773 23.400, für 1793 27.300. Hannover blieb also „zurück“, gegenüber großen Residenzstädten wie Berlin oder Dresden und selbst gegenüber einer kleinen wie dem benachbarten Braunschweig.

Hannover, Stadt wie Land, blieben ein Jahrhundert nicht vollständig stehen, aber es gab kaum Entwicklungsimpulse.
Der Kurfürst saß in London und spätestens seit dem dritten Georg hatte er keine besondere Beziehung mehr zu seinen Stammlanden. Zwar regierte er auch in Hannover weiter, aber er gestaltete nicht mehr. Adelige Räte entschieden, was im Land passierte. Und das bedeutete, es passierte kaum noch was.

Nun könnte man meinen, dass es vielleicht doch gar nicht schlecht war, wenn das Land keinen ehrgeizigen Herrscher hatte, wenn niemand das Land auspresste, um Kriege zu führen oder repräsentative Bauten zu errichten. Gewissermaßen bietet das von der Personalunion im Stich gelassene Hannover die Chance, einmal zu überprüfen, wenn ein Land sich völlig anders entwickelte als seine Nachbarn.

Ich schreibe diese Zeilen in Dresden vom rechten Ufer der Elbe, nicht weit vom sogenannten Canaletto Blick. Der Unterschied ist verblüffend zu Hannover. Das liegt nicht allein an der Elbe.
Dresden und erst recht Berlin haben im 18. Jahrhundert wichtige Entwicklungsschritte gemacht, die sich städtebaulich niedergeschlagen haben. Sicher,  es waren repräsentative Gebäude, ohne große Bedeutung für die einfachen Menschen.  Aber mit großer Wirkung für das Land. In Hannover fehlt diese Phase fast vollständig. Hannover hat kein repräsentatives Stadtschloß, keine besonderen Plätze, keine barocke, regelmäßig angelegte Neustadt, keine großen Museen, keine Schatzkammern, keine stadträumlichen Perspektiven (die hat erst nach dem Krieg Hillebrecht angelegt und die gefallen nun auch einigen nicht). Der Anfang mit Herrenhausen war gar nicht schlecht, auch das Leineschloß war ein Anfang, aber dann kam nicht mehr viel. Es fehlt aber fast alles, was den Ort auszeichnen könnte, ihm eine besondere Stellung zuweist. Diese städtebauliche Leere aus dem 18. Jahrhundert, als in anderen vergleichbaren Städten oft der Grundstock gelegt wurde für eine großstädtische Prägung, spiegelt die Leere im Lande wieder. Zwar waren in Calenberg die Landwirte stolz auf ihre hohen Erträge - zu Recht übrigens. Aber sonst geschah nicht wirklich viel.
In Hannover fehlte der Kurfürst. Nicht nur die Stadt litt darunter,  sondern das Land als Ganzes. Im Innern wurden die Stände nicht entmachtet und damit die vielen Zwischengewalten.  Nach außen konnte das Land keine selbstständige Politik betreiben. Das wirkte sich nicht nur im Siebenjährigen Krieg aus,  sondern vor allem in der französischen Zeit. Hannover wurde zerschlagen,  während Bayern und Württemberg gerade dieser Zeit wichtige Impulse zum modernen Zentralstaat verdanken. Man stelle sich mal vor, Hannover hätte wie Sachsen, Bayern oder Württemberg Partner Napoléons werden können.

Hätte, wurde es aber nicht. Stattdessen wurde es in das neue Königreich Westphalen eingegliedert, dessen Hauptstadt - Kassel war. Während Konkurrenten wie Bayern oder Württemberg nicht nur von Mediatisierungen profitieren konnten, sondern die Eingliederungen nutzten, um einen einheitlichen Staat zu schaffen, geschahen in Hannover ganz andere Dinge. Und als dann die Franzosen fort waren, versuchte man in Hannover einfach den Status quo ante wieder her zustellen, während die anderen schon viel weiter waren. Abigail Green hat ein schönes vergleichendes Buch über diese neuen „Vaterländer“ des 19. Jahrhunderts geschrieben (Fatherlands: state-building and nationhood in nineteenth-century Germany, Cambridge 2001).

Meine Vermutung ist also eher: Hannover (der Stadt wie dem Land, aber vielleicht noch mehr der Stadt) „fehlt“ dies 18. Jahrhundert und das ist bis heute der Stadt anzumerken.

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