Von Fehlurteilen und Märchen

Die Berliner Zeitung berichtet heute über eine neue Studie zum Oldenburger Münsterland unter dem "Von Schweinen und Menschen". Dort wird - wieder mal - eine dieser Thesen zur regionalen Entwicklung aufgetischt, die dadurch nicht besser wird, dass man sie immer wiederholt. Also: weshalb geht es dem Oldenburger Münsterland besser als anderen Regionen? 1., weil es dort soziale und wirtschaftliche Netzwerke gebe, vor allem Mehrgenerationenfamilien, weshalb mehr Frauen arbeiten könnten als anderswo. Und 2., weil dort alte Werte wie "Familie und Bodenständigkeit, Heimat und Ehrenamt" länger überlebt hätten als anderswo.
Ich raufe mir mal nicht zu 2. meine schütteren Haare, sondern bleibe sachlich. Was allen diesen vermeintlichen und sogar angeblich übertragbaren Erfolgsrezepten fehlt, ist der Blick auf den Kontext. Und der ist eine zeitlicher und ein räumlicher. Zunächst zum zeitlichen: Es hat immer erfolgreiche und erfolglose Regionen gegeben. Bei den erfolgreichen gab es jeweils einen engen Zusammenhang zwischen endogenen und exogenen Faktoren. Fielen aber letztere weg, sah es meist um erstere auch schlecht aus. Wie diese endogenen Faktoren aussahen, ist fast beliebig, es kommt auf die Kombination mit den exogenen Faktoren an. Im Schaumburger Land, das um 1900 eine erfolgreiche Region darstellte, bildete etwa die geringe Kinderzahl einen wichtigen demographischen Faktor, stand sie doch für Familien, die in einem hohen Maße an sozialem Aufstieg ihrer Kinder interessiert waren. Hohe oder geringe Kinderzahlen sagen allein überhaupt nichts aus über Erfolg oder Mißerfolg einer Region.
Ähnlich könnte man sich auch den anderen Faktoren widmen. Wichtiger erscheint mir aber, dass der räumliche Kontext vernachlässigt wird: Die Autobahn wird zwar selbst von aktuellen Forschern als ein zu geringer Faktor angesehen, aber ich habe da meine massiven Zweifel. Der Aufstieg des Oldenburger Münsterlandes begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als mit dem Bahnbau die Möglichkeit bestand, billige Futtermittel zu importieren, Schweine zu mästen und mit Gewinn an Abnehmer besonders im Ruhrgebiet zu verkaufen. Dieses Erfolgsmodell funktioniert heute sogar besser als vor 140 Jahren. Wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen funktionieren, warum sollten dann nicht auch stabile und nur vermeintlich "traditionelle" Sozialbeziehungen sogar gestärkt werden? In dieser Perspektive sind sie dann jedoch nicht Ursache, sondern Folge, wirken aber vermutlich wiederum stabilisierend. Und dann sieht es mit der Übertragbarkeit nach dem Motto: seid schön traditionell, fruchtbar und brav, gar nicht mehr gut aus.
Der räumlich-zeitliche Kontext sagt übrigens auch, dass erfolgreiche Regionen schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich nicht mehr auf veränderte exogene Faktoren einrichten können. Der Niedergang einer stark differenzierten und zeitweise äußerst leistungsfähigen Industrielandschaft mit enger Verbindung zur marktorientierten Landwirtschaft wie im Braunschweiger Land wäre dafür ein regionales Beispiel.
Wir brauchen endlich neue Debatten über regionale Entwicklungen und nicht mehr diese simplen Kausalitätsketten, die nur in die Irre führen.
Den Originaltext der Studie gibt es übrigens auch im Netz unter:
http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Land-mit_Aussicht/LmA_final.pdf

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