Dorf

Freitag, 5. Oktober 2012

Das Dorf und die Bewegung

Die Frage, was überhaupt ein Dorf ausmacht, ist eine, die mich seit Jahren bewegt und beschäftigt. In den letzten Jahren stellt sie sich erneut für mich verstärkt. Zum einen deshalb, weil ich für einen früheren Wohnort an einer Ortsgeschichte mitschreibe und im Prozess des Recherchierens und Schreibens dieses Dorf (bzw. dieser beiden Dörfer) erneut entdecke. Dabei stoße ich immer wieder auf die Tatsache, dass nur ein Teil der Menschen im Dorf dort auch geboren worden ist und sein Leben nur dort verbracht haben. Allerdings handelt es sich um Arbeiterdörfer, für die vielleicht andere Regeln gelten als für das, was die meisten unter einem richtigen "Dorf" verstehen. Also eines mit Bauern.

Bei der Recherche für Krainhagen - so heißt eines der beiden Dörfer - habe ich zunehmend auch das Netz genutzt. Wichtige Datenbanken, die Auskünfte über Lebensläufe geben können, finden sich dort, etwa zur Auswanderergeschichte oder - was mich in der letzten Zeit beschäftigt hat - der Geschichte der beiden Weltkriege. Das Netz bietet plötzlich gänzlich neue Möglichkeiten der Mikrogeschichte: wir können, zumindest in Ansätzen, den Menschen auf ihren Wegen folgen, sind also nicht mehr an die ortsgebundenen Quellen der einzelnen Archive gebunden, deren Akten vorwiegend den Ort und die dort lebenden Menschen im Fokus haben.

Derzeit lese ich erneut die Geschichte des Knechts und Tagelöhners Franz Rehbein, dessen 1907 erschienene Lebenserinnerungen  als Einstiegslektüre für ein Seminar über Landarbeiter dienen sollen. Rehbein stammte aus einem pommerschen Dorf, sein Vater war Schneidermeister, der auf seine Ehre achtete, aber sonst mit seiner Familie ein armseliges Leben führte. Rehbein ging früh aus Pommern weg, überall sonst auf der Welt schien das Leben  mindestens genau so gut zu sein. Seine ersten Stationen waren in Schleswig-Holstein, wo er auf mehreren Gütern und Bauernhöfen als Knecht arbeitete. Das spannende an dieser Phase sind mehrere Aspekte: Zum einen arbeitete er als Knecht nur selten mehr als ein Jahr auf einem Hof. Er wanderte also über die Dörfer. Er beschreibt aber auch seine Bauern. Und auch diese waren offenkundig nicht auf ein Dorf fixiert, sondern lebten in einem über mehrere Dörfer sowie benachbarte Flecken verteilten bürgerlich-bäuerlichen Netzwerk. Wohlgemerkt, diese Geschichte spielt sich ungefähr in den späten 1880er Jahren ab. Das Dorf als solches spielt dabei keine nennenswerte Rolle. Das mag auch mit den Siedlungsgegebenheiten der Marsch zusammen hängen. Aber der Befund entspricht in vielen Punkten dem, was wir aus anderen Studien entnehmen könnten: Dörfer sind zwar keine reinen Recheneinheiten, die lediglich für die Obrigkeit relevant waren, sie waren und sind auch wichtige Siedlungs-und Sozialräume. Aus der Perspektive der einzelnen Akteure sieht es aber oft etwas anders aus.  Dann konkurriert der Sozialraum Dorf mit anderen sozialen Räumen. Unterschiede kann es bei den jeweiligen Gruppen gegeben zu haben, aber der seinen Leben lang an einem Ort verbringende Dorfbewohner stellte sicherlich nur ein von vielen Typen dar.

Dörfer waren nicht nur in Bewegung (so ein Buch von Stephan Beets), sondern die Menschen, die in Dörfern lebten, waren es und zwar in einem sehr hohen Maße. Ich habe allerdings Hemmungen, in diesem Kontext von Migration zu sprechen. Trotz der Bedeutungserweiterung, die dieser Begriff in den letzten Jahren erfahren hat (weg von der vermeintlich einmaligen Wanderung von einem Ort an einen anderen), war Bewegung mehr, nämlich ein integrativer Bestandteil der Existenz von einem vermutlich gar nicht so geringen Teil der Landbevölkerung. Bewegung heißt hier auch Bewegung im realen und im sozialen Raum. Rehbein akzeptiert zwar teilweise die Begrenzungen seiner Knechtexistenz, aber auch nur teilweise, er sucht auch den sozialen Aufstieg.

Mittwoch, 19. Januar 2011

"Ist die ländliche Peripherie männlich?"

Fragt ein neuerer Artikel des Leibniz-Instituts für Länderkunde vom 24.11.2010. Er veweist damit auf ein Problem, das in diesem Fall für die letzten 20 Jahre untersucht wurde, sich aber in einer viel längeren historischen Entwicklung wiederfindet. Schon um 1900 wurde darüber geklagt, dass Frauen lieber die Dörfer verlassen würden. Das war damals aus der Sicht mancher Akteure deshalb kritikwürdig, weil erstens die Frauen oft ihre Männer "mitzogen", dann aber auch, weil Frauen begehrte, da gute und billige, Arbeitskräfte auf dem Lande waren. Noch bis in die 1950er Jahren waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen auf dem Lande deutlich schlechter als für Männer. Kein Wunder also, dass viele wegzogen. Doch an dem Wegzug von Frauen vom Lande hat sich seitdem nicht viel geändert. Sendungen wie "Bauer sucht Frau" sind also keineswegs nur Fantasieprodukte von Privatsendern, sondern sie verweisen auch auf ein strukturelles Problem. In dem zitierten Artikel wird übrigens erwähnt, dass eine norwegische Gruppe die Zurückgebliebenen, also vorrangig die Männer, keine Problemgruppe seien, da das Land ihnen vergleichsweise gute Arbeitsbedingungen biete.

Sonntag, 16. Januar 2011

Bauern?

Warum Bauern?

In der HAZ wird am Wochenende der ostfriesische Spruch "Lever dot as Slav" auf hochdeutsch übersetzt (und zwar in: "Wir sind das Volk"), in der Berliner Zeitung werden wieder mehr Teilzeitbauern gefordert und ich frage mich, was da los ist. Es scheint ja nun eine Reihe von Menschen zu geben (und dazu gehören leider auch immer wieder Historikerinnen und Historiker), die unter "Bauer" einen Landbewohner oder Dorfbewohner verstehen. Für den Agrarhistoriker (und den ehemaligen Dorfbewohner) krümmt sich dann schnell der Magen zusammen. Denn "Bauern" waren im Dorf noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein nur diejenigen, die sich Pferdegespanne leisten konnten, einen großen Betrieb also führten, und im Dorf die sozial unangefochtene Führungsposition einnahmen. Und da Landwirtschaft bis in die 1950er Jahre hinein extrem personalintensiv war, brauchten die Bauern immer Arbeitskräfte, die dann allerdings unter schlechten bis sehr schlechten Bedingungen für sie arbeiten mussten. Das "mussten" ist ernst gemeint, denn die eigentlich von Landarbeitern abhängigen Bauern schafften es, sich die anderen Dorfbewohner, die "kleinen Leuten" gefügig zu machen. Letztere hatten immer etwas Land zur Eigenbewirtschaftung und waren für die Bestellung ihres Feldes auf die Hilfe der Bauern angewiesen.

Und so waren besonders die ostfriesischen Verhältnisse von einer extrem krassen Unterscheidung zwischen Reich und Arm gekennzeichnet. Wenn dann heute so getan wird, als seien alle hier Freie gewesen, so werden schnell die Landarbeiter vergessen, deren Zustand näherte sich bedenklich dem der Sklaven an. Dass übrigens dieser Spruch auch gern in völkischen Kreise genutzt wurde und nicht so "unschuldig" ist, wie es die HAZ hinstellt (die aber gern "bedenkliche" Straßennamen anprangert), sei hier nur am Rande erwähnt.




Donnerstag, 8. Juli 2010

Zur Verödung des flachen Landes

Als wir im letzten Jahr uns mit Scheunenvierteln in Niedersachsen beschäftigten, ging es uns um die Geschichte dieser "Viertel". Für alle anderen ging es um etwas anderes, nämlich um die Frage, wie es gelingen kann, diese Gebäude längerfristig zu sichern. Die gefundene Antwort entspricht etwa der, die in einem FAZ-Interview Birgit Franz, Architekturprofessorin aus Hildesheim, gibt: "sanfter Tourismus", d.h. man will im wesentlichen Besucher aus der Region ermuntern, an Wochenenden zu speziellen Veranstaltungen diese Objekte zu besuchen. Wenn sie allerdings schreibt, dass auf Geld nicht zu hoffen ist, dann trifft das auf die Scheunenviertel nicht zu. Der "ländliche Raum" bekommt Zuschüsse, seit vielen Jahren und weiterhin. Ohne teilweise enormes ehrenamtliches Engagement ginge das auch nicht, aber die würden auch scheitern, gäbe es da nicht immer wieder Zuschüsse.
Dennoch bleiben bei mir Zweifel. Sie beziehen sich darauf, dass auf dem flachen Land aus Orten der Produktion solche der Konsumtion geworden sind. Was viele inzwischen erfolgreich verdrängt haben, ist die schlichte Tatsache, dass der "ländliche Raum" ohne massive Transferleistungen völlig anders aussehen würde. Wer dann ehrlich ist, wie auch die Kollegin Franz, landet schnell bei dem W-Wort: Wüstungen. Wenn sie aber schreibt, Wüstungen habe es auch schon früher gegeben, so muss das konkretisiert werden, denn in historischer Zeit praktisch nur im Mittelalter, insbesondere im Rahmen der hochmittelalterlichen Agrarkrise.

Wüstungen verweisen auf tiefe gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Diese erfassen seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch alle Industrieregionen. Die faktisch einzige Antwort, die darauf gefunden wurde, war die massive Subventionierung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete. Geändert, wenn man darunter das weitgehende Verschwinden der Landwirtschaft aus dem gesellschaftlichen Leben, zugleich auch vieler anderer ökonomischer Aktivitäten, die Auflösung der Infrastruktur (die oft erst im Kaiserreich nach 1870 entstanden war) und die fast komplette Nutzung der Dörfer als Schlafsiedlungen sieht, hat das nichts. Nur wenige Regionen wie das Oldenburger Münsterland oder das Emsland haben noch eine tragfähige agrarische Komponente, andere, stadtferne Regionen (und die fangen offenbar selbst in Orten wie Liebenau, nicht einmal eine Autostunde von Hannover und in Nachbarschaft zu Hannover, an, eignen sich selbst als Wohnort immer weniger. Bemerkenswert an dieser Situation ist, wie sehr immer und immer wieder versucht wird, das vermeintlich historische Dorf zu retten. Während dafür in den letzten Jahrzehnten nicht unerhebliche Mittel bereit standen, wird jetzt gerade entdeckt, dass das flache Land immer noch unzureichend mit Breitband-Anschlüssen für das Internet verbunden ist! Anstatt aber in dieser Versorgung nicht nur ein Grundrecht zu sehen, sondern auch eine notwendige Grundlage für praktisch alle gesellschaftlichen und ökonomischen Aktivitäten, wird daraus ein - Wettbewerb!

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