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Region

Mittwoch, 1. April 2009

Von Fehlurteilen und Märchen

Die Berliner Zeitung berichtet heute über eine neue Studie zum Oldenburger Münsterland unter dem "Von Schweinen und Menschen". Dort wird - wieder mal - eine dieser Thesen zur regionalen Entwicklung aufgetischt, die dadurch nicht besser wird, dass man sie immer wiederholt. Also: weshalb geht es dem Oldenburger Münsterland besser als anderen Regionen? 1., weil es dort soziale und wirtschaftliche Netzwerke gebe, vor allem Mehrgenerationenfamilien, weshalb mehr Frauen arbeiten könnten als anderswo. Und 2., weil dort alte Werte wie "Familie und Bodenständigkeit, Heimat und Ehrenamt" länger überlebt hätten als anderswo.
Ich raufe mir mal nicht zu 2. meine schütteren Haare, sondern bleibe sachlich. Was allen diesen vermeintlichen und sogar angeblich übertragbaren Erfolgsrezepten fehlt, ist der Blick auf den Kontext. Und der ist eine zeitlicher und ein räumlicher. Zunächst zum zeitlichen: Es hat immer erfolgreiche und erfolglose Regionen gegeben. Bei den erfolgreichen gab es jeweils einen engen Zusammenhang zwischen endogenen und exogenen Faktoren. Fielen aber letztere weg, sah es meist um erstere auch schlecht aus. Wie diese endogenen Faktoren aussahen, ist fast beliebig, es kommt auf die Kombination mit den exogenen Faktoren an. Im Schaumburger Land, das um 1900 eine erfolgreiche Region darstellte, bildete etwa die geringe Kinderzahl einen wichtigen demographischen Faktor, stand sie doch für Familien, die in einem hohen Maße an sozialem Aufstieg ihrer Kinder interessiert waren. Hohe oder geringe Kinderzahlen sagen allein überhaupt nichts aus über Erfolg oder Mißerfolg einer Region.
Ähnlich könnte man sich auch den anderen Faktoren widmen. Wichtiger erscheint mir aber, dass der räumliche Kontext vernachlässigt wird: Die Autobahn wird zwar selbst von aktuellen Forschern als ein zu geringer Faktor angesehen, aber ich habe da meine massiven Zweifel. Der Aufstieg des Oldenburger Münsterlandes begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als mit dem Bahnbau die Möglichkeit bestand, billige Futtermittel zu importieren, Schweine zu mästen und mit Gewinn an Abnehmer besonders im Ruhrgebiet zu verkaufen. Dieses Erfolgsmodell funktioniert heute sogar besser als vor 140 Jahren. Wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen funktionieren, warum sollten dann nicht auch stabile und nur vermeintlich "traditionelle" Sozialbeziehungen sogar gestärkt werden? In dieser Perspektive sind sie dann jedoch nicht Ursache, sondern Folge, wirken aber vermutlich wiederum stabilisierend. Und dann sieht es mit der Übertragbarkeit nach dem Motto: seid schön traditionell, fruchtbar und brav, gar nicht mehr gut aus.
Der räumlich-zeitliche Kontext sagt übrigens auch, dass erfolgreiche Regionen schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich nicht mehr auf veränderte exogene Faktoren einrichten können. Der Niedergang einer stark differenzierten und zeitweise äußerst leistungsfähigen Industrielandschaft mit enger Verbindung zur marktorientierten Landwirtschaft wie im Braunschweiger Land wäre dafür ein regionales Beispiel.
Wir brauchen endlich neue Debatten über regionale Entwicklungen und nicht mehr diese simplen Kausalitätsketten, die nur in die Irre führen.
Den Originaltext der Studie gibt es übrigens auch im Netz unter:
http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Land-mit_Aussicht/LmA_final.pdf

Freitag, 6. März 2009

Die Autoindustrie und ihre Zulieferer

Eine der zentralen Aspekte regionaler Zugehörigkeitsgefühle (oder meinetwegen "Identität") ist die Bedeutung der Ökonomie: Gemeinsame Erfahrungen im Arbeitsprozess spielen eine wesentliche Rolle für die Menschen einer Region. In Niedersachsen hat sich nach 1945 die Automobilindustrie (und das heißt VW) sehr schnell zu dem zentralen Wirtschaftsfaktor entwickelt, ohne den im Land kaum etwas "geht". Welche Bedeutung die Autoindustrie in der bundesdeutschen Wirtschaft hat, zeigt eindrucksvoll eine Galerie bei ZEIT Online.

Samstag, 14. Februar 2009

Die Tücken der Planung

In dem dritten Video über Medienepochen der Stadt berichtet Dirk Baecker scheinbar über den Buchdruck, aber mehr noch über die Planung bzw. vergebliche Planung.


Donnerstag, 12. Februar 2009

Die Sprache der Stadt

Ein gut gemachter Film über die Bedeutung der Sprache findet sich in der ZEIT.

Montag, 19. Januar 2009

Le Coq

Das Internetportal "Westfälische Geschichte" entwickelt sich immer mehr zu einer wahren Fundgrube, die sich allerdings dem Nutzer manchmal etwas schwer erschließt. Ein neues, auch für den niedersächsischen Leser interessantes Angebot, ist eine Einführung und eine komplette digitale Version der Topographischen Karten von Westphalen (d.h. eigentlich Nordwestdeutschland, also auch Niedersachsens) des Carl Ludwig von Le Coq.

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Hagenburger Geschichten

Durch Zufall und bei den Vorbereitungen für den Band unserer Hagenburger Geschichten bin ich auf entsprechende Angebote bei Amazon verwiesen worden. Bedenkt man, dass sie seinerzeit für etwa 3 DM verkauft wurden, ist das keine geringe Preissteigerung - vorausgesetzt, es findet sich ein Käufer. Wer einen Blick in das erste Heft werfen will, kann auf unserer Lernwerkstatt nachsehen.

Mittwoch, 26. November 2008

Statistiken

Der Spruch über die gefälschten Statistiken könnte dieser Tage in Niedersachsen eine neue Bedeutung bekommen, denn das Niedersächsische Landesamt für Statistik wehrt sich vehement gegen den Versuch der Landesregierung, ungünstige Ergebnisse zu relativieren, wie derzeit in mehreren Tageszeitungen, etwa im Hamburger Abendblatt, zu lesen ist. Ich kann ja die Verärgerung des Ministerpräsidenten gut verstehen: Die sich selbst so gern lobende Regierung steht in vielen Punkten mit leeren Händen da und das muss ja nicht gleich publik gemacht werden, oder?

Dienstag, 14. Oktober 2008

Generalplan Ost

Die DFG präsentiert eine Ausstellung (der Broschüre auch im Netz als pdf verfügbar ist) über den Generalplan Ost. Aus niedersächsischer Sicht ist dies deshalb ein wichtiges Thema, weil wichtige Protagonisten dieser Planung nach 1945 in Niedersachsen aktiv waren und wichtige ideologische Positionen Eingang fanden in Landes- und Regionalplanung.
DFG - Ausstellung: Wissenschaft, Planung, Vertreibung. Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten.
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Sonntag, 12. Oktober 2008

Die Zeiten ändern sich, 2

Jetzt ist die ökonomische Krise und vielleicht ist das unsere letzte Chance. Mit den alten Methoden und den alten Unternehmen, so scheint es mir, ist eh keine Veränderung möglich. Zwar behaupten sie alle, dass sie nur der Zukunft zugewandt  sind, aber vielleicht können sie das auch nur tun, weil sie keine Ahnung von der Vergangenheit haben und deshalb gar nicht bemerken, wieviel Vergangenheit sie mit sich rumschleppen. Da macht die Meldung der HAZ doch neugierig, dass Karmann in Osnabrück nicht mehr die Großen mit Sonderbauten beliefern wird (das Geschäft ist tot), sondern ein Elektroauto bauen will. Während die Zetsches noch herum schwadronieren, handeln andere und die können es vielleicht auch besser, weil sie nicht den Ballast der Vergangenheit.
Aus niedersächsischer und regionale Sicht ist das auch eine wichtige Nachricht, denn unser Bundesland "hängt" viel zu sehr an VW; es braucht neue Lösungen. Interessant übrigens, dass diese Impulse aus dem Westen des Landes kommen, obwohl Südostniedersachsen (SON) in den letzten Jahren sich fast komplett auf die Autoindustrie, auch in Sachen Forschung, konzentriert hat.

Dienstag, 2. September 2008

Hannover und Niedersachsen

Am Beispiel der aktuellen Debatten um die NTH (Niedersächsische Technische Hochschule) wird erneut das grundlegende Dilemma Niedersachsens deutlich: die Angst vor einer starken Hauptstadt. Anstatt Kräfte zu bündeln, wird auf einen fragwürdigen regionalen Proporz gesetzt. Das ist nicht neu, sondern seit der Gründung des Landes Niedersachsen waren die regionalen Interessen durchweg wichtiger als die des Zentrums. Dabei hat es Hannover ohnehin schwer, nicht nur, weil sich alle möglichen Spaßvögel über diese Stadt lustig machen, sondern weil sie mit zwei starken Nachbarn, Bremen und Hamburg, konkurrieren muss. Da gleichzeitig das Land immer noch agrarisch geprägt ist, fehlten immer die Mittel, um mit anderen Ländern ernsthaft konkurrieren zu können. Die inzwischen fast einseitige Konzentration im industriellen Bereich macht die Situation nicht einfacher.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich liebe die niedersächsische Provinz und genieße es, im Oldenburger Münsterland (wie letzte Woche in Cloppenburg) oder in Oldenburg zu sein, aber ich bin überzeugt, dass Niedersachsen eine starke Hauptstadt braucht mit einer großen, leistungsfähigen Hochschule, einem reichhaltigen Kulturleben und einer starkem gewerblichen Sektor. Doch die Landesregierung hat offenbar andere Interessen: Die Leibniz Uni wird bei dem jetzigen Prozess der NTH zwar wohl nicht geschwächt, aber nicht so sehr gestärkt, wie es notwendig wäre; die Museumslandschaft wird neu geordnet - zu Lasten von Hannover und die Conti ist auch kein hannoversches Unternehmen mehr. Aber vielleicht sind meine Klagen auch fehl am Platz, denn selbst die Stadt Hannover ist mehr mit sich selbst beschäftigt und nicht mehr mit wegweisenden Projekten, auch wenn sich jetzt der Oberbürgermeister Weil in dieser Sache zu Wort gemeldet hat.

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