Sonntag, 30. September 2012

Das etwas andere Freilichtmusuem

Regionale Bauernhausmuseen haben nicht nur in der Regel mit dem Manko zu kämpfen, dass sie  zum einen Gebäude und somit eine Geschichte präsentieren, die transloziert und damit konstruiert wurde, und sich zweitens nur schlecht von einer vordergründigen oder zumindest indirekten Agrarromantik lösen können. Das erste Problem bedeutet, dass im Museum eine vermeintlich authentische Wirklichkeit gezeigt werden soll, die auf den ersten Blick auch so wirkt. Hübsch eingerichtete Wohnungen vermitteln das Gefühl, ja, so hat es damals ausgesehen. Dass hier Idealbilder vermittelt werden, wird oft nicht bewußt gemacht - und interessiert vielleicht auch niemanden. Dann ist da noch das schöne Bauernhaus, das alle Bilder vom schönen Dorfleben früher unvermeidlich propagiert - Aufklärung hin oder her.

Wenn man in Mecklenburg  unterwegs ist, dann ist die Sache schon etwas komplizierter. Zum einen gab es in den letzten 200 Jahren nur wenige Bauern in diesem Land. Mit anderen Worten: Bauernhausromantik kann sich hier schon allein deshalb nur selten einstellen. Statt dessen gibt es kleine Tagelöhner- und Landarbeiterhäuser auf der einen und große Herrenhäuser auf der anderen Seite. Dann ist Mecklenburg ehemaliges DDR-Land, wo die Bodenreform nach 1945 besonderen Sinn machte (sie wurde übrigens auch kurzfristig im Westen propagiert ...). Hier wurden die großen Güter zerschlagen und viele Neubauernstellen eingerichtet, also die Zahl der Kleinstellen noch einmal erhöht. Das Ganze mündete dann in der Kollektivierung, oder im Weg "Vom Ich zum Wir", wie damals propagiert wurde. Wer sich diese mehrfach gebrochene Geschichte ansehen will, der sollte einmal nach Alt-Schwerin am Plauer See fahren. Was gibt es dort zu sehen:
- ein Museum, das keine translozierten Gebäude kennt (nur ein transloziertes Tor), sondern solche, die dort schon bei der Gründung des Museums gestanden haben: ein Herrenhaus, ein Neubauernhaus, Tagelöhnerkaten, eine Schnitterkaserne von 1904,
- ein Museum, das die DDR-Geschichte nicht ausblendet, sondern die Geschichtsdeutung der DDR sogar authentisch vermittelt, und zwar in einer großen Dauerausstellung von 1988, die in der Schnitterkaserne zu sehen ist. Ja, richtig, sie stammt aus der DDR und sie steht dort immer noch. D.h. hier endet die Dorfgeschichte mit der Kollektierung und Mechanisierung der Landwirtschaft in der DDR.

Das Museum wurde Anfang der 1960er Jahre gegründet und es hatte ab 1970 ein besonderes Highlight zu bieten: In der großen Tagelöhnerkate lebte damals noch eine Familie mit zwei Kindern. Die Eltern arbeiteten in der LPG und bewohnten eine Wohnung in einem Haus, das schon zum Museum gehörte. 1970 bekamen sie eine Neubauwohnung, dafür mussten sie ihre alte Wohnung zu verlassen, wie sie war, alles blieb - so heißt es jedenfalls - in situ. Und so ist es geblieben. 2000 musste die Wohnung nach 30 Jahren Dauergebrauch renoviert werden. Dauergebrauch heißt offenbar wirklich "Gebrauch". Auf dem Sofa soll der Museumsdirektor auch mal ein Nickerchen gemacht oder das Ehebett für abendliche Besucher zur Verfügung gestellt haben. Hier wurde also gewissermaßen weiter gelebt und nicht nur besichtigt.

In diesem Jahr wurde das Museum um einen neuen Bereich erweitert. In mehreren Hallen und einem neuen zentralen Verwaltungs- und Besuchertrakt wird vor allem das Verhältnis von Maschine und Landwirtschaft beleuchtet: dort gibt es Feldbahnen, Traktoren, Lkw, Mähdrescher und viel mehr, sogar zwei Flugzeuge. Technikfans können hier auf ihre Kosten kommen - und den Hannoveraner freut es, mehrere HANOMAG-Traktoren vorzufinden. Dazwischen gibt es für Kinder thematisch passendes Spielgerät. Gerade dieser Bereich verweist auf einen Aspekt der neueren Landwirtschaft, dem man nicht immer in Westdeutschland begegnet: der Mechanisierung. Sie war schon früh ein Thema in Mecklenburg und sie bildet ein zentrales Thema für die DDR-Landwirtschaft.

Also auf, nach Alt-Schwerin, hier gibt es was zu entdecken, nicht besonders didaktisch aufgebaut, aber vergleichsweise authentisch, der Besucher muss und kann auf eine eigene Entdeckungsreise gehen. Aber Vorsicht: das Museum ist im Dorf und zu schnell ist man über die gerade Dorfstraße durch das Dorf gefahren, ohne das Museum überhaupt gesehen zu haben. Und eigentlich heißt es auch nicht mehr Museum, sondern „Agroneum".

http://www.museum-alt-schwerin.de

Donnerstag, 20. September 2012

Die akademische Lehre

"Die akademische Lehre im Grundstudium sollte nicht allein, wie mehr und mehr üblich geworden, von den jüngsten Assistenten, sondern von Universitätslehrern aller Art, namentlich auch immer wieder von den Lehrstuhlinhabern erteilt werden. Das gilt insbesondere für Proseminare und Einführungsveranstaltungen, weil so den Studenten der Anfangssemster Gelegenheit gegeben wird, gleich zu Beginn ihres Studiums die besonders erfahrenen Lehrer ihres Faches kennen zu lernen, und diese andererseits mit den Problemen der jeweiligen Anfangslehrgänge der Studenten vertraut gemacht werden."

(Joachim Leuscher, Hans-Heinrich Nolte, Brigide Schwarz, Geschichte an Universitäten und Schulen. Stuttgart 1973, S. 85 f.)

Auch wenn manche Begriffe heute etwas veraltet klingen, an der Kernaussage hat sich vermutlich nicht viel geändert.

Montag, 17. September 2012

Wie sollen Wissenschaftler schreiben?

"Wieviel Verklausulierung braucht Wissenschaftssprache?" fragt Christian Höschler am 8. September. Die Antwort ist leider genau so unzureichend wie die Antworten, die ich in den dort verlinkten Artikeln gesehen habe. Geht es wirklich darum, dass Wissenschaftler verstanden werden? Und sind es die schlechten Vorbilder der Hochschullehrenden? Was bei Debatten wie diesen immer vergessen wird, dass es um ganz andere Dinge geht. Für junge Wissenschaftler geht es darum, eine Stelle an der Uni zu bekommen. Dafür muss man/frau von den richtigen Leuten gelesen und rezipiert werden, muss in den richtigen Verlagen publiziert haben, damit man/frau auf den Berufungslisten eine Chance hat. DAS ist entscheidend und nicht, wie viele Leute einen sonst noch gelesen haben. Hier in Hannover hat mal vor 30 Jahren ein damals junger Dozent ein schönes allgemeinverständliches Buch geschrieben. Ratet mal, liebe Leser, wie darauf seine Zunft geantwortet hat? Und wäre es heute noch so viel anders?

Und damit zu den Blogs. Anstatt hier rumzuschurbeln, wozu die alles gut sind und weshalb sie unbedingt notwendig sind und all dies bla, bla, bla. Warum nicht sich offen zu einer wissenschafftlichen Gegenöffentlichkeit bekennen, die sich nicht an die traditionellen Regeln hält, nicht die wichtigen Tagungen und Kolleginnen und Kollegen im Auge hat, um sich das nächste Projekt oder die nächste freiwerdende Stelle zu sichern? Einfach auf etwas Neues einlassen und mal sehen, was daraus wird. Und wenn nicht, dann nicht, versucht man was Neues. Ach ja, und nicht immer auf das Lesen am Rechner setzen, die Menschen warten darauf, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihnen reden und sich auf sie einlassen, bringt manchmal mehr als mancher Blog.

Mittwoch, 12. September 2012

Digitale natives?

Peter Haber hat in einem Aufsatz auf den Unterschied zwischen "digital natives" und "digital immigrants" verwiesen. Danach sind wir Älteren die immigrants, die Jungen die natives. Ist ja nett formuliert, aber trifft es auch zu? Mein höchst subjektiver Eindruck ist ein anderer: Immer mehr junge Leute, die zu uns kommen, stehen den Möglichkeiten des Internets völlig verständnislos gegenüber. Gut, sie können vielleicht twittern, sich mit Freunden über Facebook austauschen oder in der Wikipedia nachschlagen. Das scheint es dann aber auch gewesen sein. Wo sollten sie es denn auch herhaben? Aus der Schule jedenfalls nicht, wenn ich mir anhöre, was ich auf den jährlichen Hochschulinformationstagen so zu hören bekomme. Mit dem Internet wird praktisch nichts gemacht, unsere Schüler werden für das Buch sozialisiert, für das gedruckte Buch. Ach ja, und überall gibt es Smartboards und Lehrer, die nicht wissen, was sie damit machen sollen. Und damit zum Gespött ihrer Schüler werden.
Es ist schon fast schizophren, einerseits finden wir im Text immer mehr wissenschaftliche Informationen, andererseits benutzt sie niemand. Es fehlt an einer inhaltlichen motivierten Ausbildung. Und bitte nicht wieder irgendwelche teuren Projekte, die nichts ändern.

Peter Haber, Digitale Immigranten, zwitschernde Eingeborene und die Positivismusfalle, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 9 (2012), H. 2,
URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Haber-2-2012

Montag, 3. September 2012

Wirklich so praxisfremd?

Eben, beim Suchen, fiel mir ein Artikel der FAZ vom 20. Mai dieses Jahres in die Hände, bzw. wanderte auf den Bildschirm, es geht darin um "angewandte Geschichtswissenschaft" oder "Public History" und die Klage, dass es diesen Praxisbezug in Deutschland kaum gebe. Sorry, aber das ist Quatsch. In Bielefeld hat man projektorientierte Lehre schon vor vielen Jahren betrieben und wir in Hannover machen das schon seit über 30 Jahren mit einer Fülle von Projekten. Vor zwei Wochen haben wir gerade in einer "Sommeruni" im Museumsdorf in Cloppenburg eine kleine Präsentation zur Amerikaauswanderung erstellt, drei Studenten haben in der Region Hannover ein Firmenarchiv digitalisiert und das sind nur die beiden jüngsten Beispiele. Kooperationspartner sind nicht nur Museen, sondern (wie das genannte Beispiel) auch Unternehmen.Mein Kollege Carl-Hans Hauptmeyer praktiziert seit Jahrzehnten die Kooperation etwa mit Planern und Geographen (in Dorferneuerungsverfahren haben wir schon vor über 20 Jahren aktiv mitgearbeitet). Viele andere Kolleginnen und Kollegen haben diese Kooperation ganz selbstverständlich betrieben.

Allerdings ist das erstens nicht immer einfach (was teilweise an den neuen Studiengängen liegt, die das Zeitbudget der Studierenden zuweilen stark einschränken), sondern auch an den Partnern. Und dabei bleibt auch die Frage offen, was denn der "Anwendungsbezug" ist. Gerade bei der Kooperation mit Planern zeigen sich die zuweilen stark unterschiedlichen Fachkulturen, die es eben nicht so einfach ermöglichen, historische Kenntnisse anderen zu vermitteln. Gerade wird das in einem Projekt in Lüdersen ausgetestet.

Montag, 20. August 2012

Bloggende Lehrer

http://www.zeit.de/2012/33/C-Bloggende-Lehrer

Montag, 9. Juli 2012

Was soll das? Oder: Gehts nicht noch etwas größer?

Eigentlich wollte ich nicht mehr bloggen - eigentlich. Nun bin ich überredet worden, etwas zum Bloggen zu schreiben. Daran sitze ich gerade und sehe mir erneut ein paar Websites an. Dabei bin ich auch auf gei.digital gestoßen. Und nein, das ist kein Blog, sondern, so der Eigentitel "Die digitale Schulbuch-Bibliothek". Klingt gut, und was dort geboten wird, ist auch nicht schlecht, es sind vor allem Schulbücher aus dem Kaiserreich. Gut finde ich, dass die gescannten Werke nicht nur angesehen, sondern als Pdf-Dateien herunter geladen werden können. Nur macht mich stutzig, wie groß die Dateien dazu sind. Ein 200 Seiten dickes Schulbuch (Überblick über die Brandenburg.-Preuß. Geschichte bis zum Regierungsantritte des Großen Kurfürsten) ist sage und schreibe 521,79 MB groß, ein 28 Seiten großer "Atlas zur territorialen Entwicklung Preußens" belegt über 155 MB auf der Festplatte. Festplatten erreichen inzwischen zwar locker die TB-Grenze, aber bei SSDs, die immer wichtiger werden, sind 128 GB immer noch eher die Regel. Oder sollen diese Werte nur vom Download abhalten?

Mittwoch, 4. Juli 2012

Terminologie der Archivwissenschaft

Archivalia weist auf das neue Online-Lexikon "Terminologie der Archivwissenschaft" hin. Es sind erst einige Einträge veröffentlicht, mir fehlt der Begriff der Kassation, kommt wahrscheinlich noch. Bis dahin gibt es immerhin die treffende Definition bei Wikipedia: "Es gilt, die Archivalienbestände von Wertlosem und Überflüssigem zu befreien." Jau, wir brauchen keine neuen Erkenntnisse, weg mit dem "Wertlosem und Überflüssigen" ...

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