Donnerstag, 17. Januar 2013

Einstürzende Archivbauten

Archive müssen nicht erst einstürzen, um unbenutzbar zu werden. Es gibt auch einfachere, billigere und vor allem unauffälligere Mittel. Man läßt sie personell einfach austrocknen. Zu wenig Personal heißt eben: Keine oder stark begrenzte Öffnungszeiten, kaum Beratung und vor allem: unzureichende Erschließung der vorhandenen Bestände. Das ist besonders praktisch, denn diese Bestände sind für den Benutzer schlicht nicht existent, was die Benutzungswünsche wiederum reduziert. Am Ende kann man dann sogar darauf verweisen, dass es kaum Interesse an dem Archiv gibt und sich deshalb Personalkosten nicht lohnen. Ein personell schlecht ausgestattetes Stadtarchiv verliert außerdem den Kontakt zur übrigen Verwaltung, was wiederum die Ablieferung neuerer Akten erschwert, so dass es nur wenig neue Überlieferung gibt.

Vielleicht sehe ich als einfacher Regionalhistoriker zu schwarz, aber was mir in und um Hannover in den letzten Jahren begegnet ist und immer noch begegnet, deutet stark darauf hin, dass wir einer Entwicklung entgegen gehen, die für regionalgeschichtliche Forschung geradezu fatal ist. In diesen Kontext passt auch, dass die Überlieferung kleiner oder mittlerer Unternehmen überhaupt nicht systematisch gesichert wird. Wo sollen auch die Impulse her kommen, wenn das Personal ausgedünnt wird und selbst technische Ressourcen nur in unzureichendem Maße zur Verfügung stehen?

Auch wenn ich den Begriff der Identität problematisch finde: Der Wunsch der Menschen in den Regionen, die eigene Geschichte zu erforschen, ist weiterhin groß und ungebrochen, es gibt genug Anfragen, die dies immer wieder bestätigen. Dies braucht auch eine fachliche Begleitung. Für universitäre Wissenschaftler/innen ist das uninteressant, weil im Wettbewerb meist nicht nutzbar. Wenn dann die kleinen Archive als Ansprechpartner auch immer mehr ausfallen, trocknen wir eine kulturelle Vielfalt einfach mal so aus.

Freitag, 4. Januar 2013

Neues von der Literaturverwaltung

Im letzten Jahr hat sich bei einigen Literaturverwaltungen etwas getan: Kurz vor Jahresende hat Bibliographix sein Angebot erweitert: neben dem Programm Bibliographix Plus, das der bisherigen Version entspricht, gibt es jetzt die etwas einfachere Version Bx Bachelor. Beide Programme sind seit einiger Zeit kostenlos, allerdings bitten die Autoren um Spenden (via Paypal - was ich gar nicht mag). Die besondere Stärke des Programms liegt in der automatischen Verknüpfung von Informationen, was sonst nur noch Litlink in dieser Form anbietet. Leider gibt es Bibliographix nur für Windows, gilt auch für Citavi.

Litlink ist kurz vor Jahresende ebenfalls in einer neuen Version erschienen (4.5), die einen besseren Import aus Endnote bietet und vor allem eine Synchronisation mit Zotero! Leider funktioniert letzteres bei mir (und offenbar auch einigen anderen Usern) nicht so richtig. Mal sehen, es wird wohl einen Patch geben.Von den dreien hier erwähnten Programmen gibt es für das auf Filemaker Pro aufbauende Litlink auch eine Version für den Mac.

Citavi gibt es in der Version 3.3, aber seit einiger Zeit liegt eine Preview der Version 4.0 vor, die u.a. ein neues Addin für die direkte Kooperation in Word anbietet, sieht ganz vielversprechend aus. Vielleicht wird ja bald eine fertige Version vorgestellt. Citavi kostet Geld, allerdings haben inzwischen viele Unis für Lizenzen für ihre Beschäftigten und Studierenden angeschafft. Mit einer - einst angekündigten - Mac-Version ist es weiter nichts. Schade.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Wikipedia

Ach, man kann so viel über die Wikipedia schreiben. Was mir aber auffällt, gerade bei Prüfungen oder Seminaren: Leute, seht doch bitte auch in der Wikipedia rein und nutzt sie für die erste Recherche oder eine begleitende Recherche. Auch, wenn es manche nicht gern hören wollen, so bieten doch viele Artikel viel mehr Informationen zu einem Thema als manche wissenschaftliche Einführung. Gerade dann, wenn es um das Verständnis von Details geht, die in wissenschaftlichen Abhandlungen oft voraus gesetzt werden.

Samstag, 8. Dezember 2012

So isses

Habe auch lange überlegt, warum ich kaum noch blogge. Jan Hodel hat dazu etwas geschrieben, was bei mir ziemlich genau auch so passt: http://weblog.hist.net/archives/6540. Ansonsten rede ich lieber mit meinen Studenten, Doktoranden oder Kollegen. Auch über das Bloggen ;-)

Dienstag, 13. November 2012

Sozialistische Front

Seit gestern online: die neue Website über die Sozialistische Front in Hannover, realisiert von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, in enger Kooperation mit hannoverschen Wissenschaftlern erstellt.

Dienstag, 6. November 2012

Der Verlust des Erbes

Zugegeben, ich bin ein Anhänger des Digitalen. Aber das heißt nicht, die alten Medien in Frage zu stellen. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Digitalem und Analogem, zwischen Altem und Neuem. Es geht um die Sicherung der Überlieferung. Und die ist gefährdet, jeden Tag. Zur Rettung versuchen wir es immer wieder mit kleinen oder größeren Digitalisierungsprojekten. Nicht, um danach etwas zu vernichten (wie mir in den 90er Jahren tatsächlich mal vorgeworfen wurde), sondern um eine Kopie zu haben, falls die Originale vernichtet sind (dass man mit Digitalisaten auch besser arbeiten und gleichzeitig die Originale schützen kann, kommt hinzu).

Es ist vermutlich kein Einzelfall, aber dennoch skandalös, was derzeit in Stralsund geschieht und auf Archivalia sorgfältig dokumentiert wird. Siehe zuletzt: http://archiv.twoday.net/stories/197336228/

Wider besseren Wissens?

Hannover und sein Maschsee sind eine spannende Geschichte. Dieser schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geplante See in der Leinemasch wurde nach intensivierten Planungen in den 1920er Jahren erst in der NS-Zeit begonnen und fertiggestellt. Die besondere "Tücke" besteht darin, dass der See von Figurengruppen flankiert wird, die auf den ersten Blick eine erstaunliche Nähe zur NS-Plastik aufweist. Allerdings ist seit langem umstritten, ob hier tatsächlich jemand die rechte Hand zum "Hitlergruß;" hebt oder etwa zum olympischen Gruß; (der See wurde 1936 eingeweiht). Die Stadt Hannover hat dazu eine eindeutige Position entwickelt, die sich auch auf ihrer Website findet. So heißt es in einer dort zu findenden Broschüre: "Am See wurden nur Skulpturen nackter Körper aufgestellt. Mit ihrer übernatürlichen Größe erfüllten sie das Ideal der Monumentalität in der NS-Kunst. Die heroische Figur sollte die angebliche Überlegenheit des 'arischen Herrenvolks' demonstrieren."

In ihrer heutigen Ausgabe berichtet nun die HAZ über neuere, sogfältige Forschungsergebnisse des Georg-Kolbe-Museums in Berlin zu diesen Figuren, die zu einem eindeutigen Ergebnis kommt. Zitiert wird die Direktorin Ursel Berger: "Wir haben keine Nazi-Verstrickungen der Bildhauer finden können."
Die Situation war wesentlich komplexer als es die platten Formulierungen in der städtischen Broschüre vermuten lassen. Die in der Öffentlichkeit so gern vorgenommene eindeutige Zuordnung bestimmter Stile zum Nationalsozialismus ist eben nicht mö;glich.

Leider ist der Artikel nicht online verfügbar, eine Publikation ist vorgesehen, Die Ausstellung "Fackelträger, Fisch und Menschenpaar - Die Skulpturen vom Maschsee in Hannover" läuft bis zum 30.3.2013 in Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25 in Berlin. Vielleicht kommt sie anschließend nach Hannover. Die Broschüre der Stadt habe ich gefunden unter: http://www.hannover.de/content/download/367277/7052704/version/1/file/grfl_flyer_skulpturen_web.pdf.

Freitag, 5. Oktober 2012

Das Dorf und die Bewegung

Die Frage, was überhaupt ein Dorf ausmacht, ist eine, die mich seit Jahren bewegt und beschäftigt. In den letzten Jahren stellt sie sich erneut für mich verstärkt. Zum einen deshalb, weil ich für einen früheren Wohnort an einer Ortsgeschichte mitschreibe und im Prozess des Recherchierens und Schreibens dieses Dorf (bzw. dieser beiden Dörfer) erneut entdecke. Dabei stoße ich immer wieder auf die Tatsache, dass nur ein Teil der Menschen im Dorf dort auch geboren worden ist und sein Leben nur dort verbracht haben. Allerdings handelt es sich um Arbeiterdörfer, für die vielleicht andere Regeln gelten als für das, was die meisten unter einem richtigen "Dorf" verstehen. Also eines mit Bauern.

Bei der Recherche für Krainhagen - so heißt eines der beiden Dörfer - habe ich zunehmend auch das Netz genutzt. Wichtige Datenbanken, die Auskünfte über Lebensläufe geben können, finden sich dort, etwa zur Auswanderergeschichte oder - was mich in der letzten Zeit beschäftigt hat - der Geschichte der beiden Weltkriege. Das Netz bietet plötzlich gänzlich neue Möglichkeiten der Mikrogeschichte: wir können, zumindest in Ansätzen, den Menschen auf ihren Wegen folgen, sind also nicht mehr an die ortsgebundenen Quellen der einzelnen Archive gebunden, deren Akten vorwiegend den Ort und die dort lebenden Menschen im Fokus haben.

Derzeit lese ich erneut die Geschichte des Knechts und Tagelöhners Franz Rehbein, dessen 1907 erschienene Lebenserinnerungen  als Einstiegslektüre für ein Seminar über Landarbeiter dienen sollen. Rehbein stammte aus einem pommerschen Dorf, sein Vater war Schneidermeister, der auf seine Ehre achtete, aber sonst mit seiner Familie ein armseliges Leben führte. Rehbein ging früh aus Pommern weg, überall sonst auf der Welt schien das Leben  mindestens genau so gut zu sein. Seine ersten Stationen waren in Schleswig-Holstein, wo er auf mehreren Gütern und Bauernhöfen als Knecht arbeitete. Das spannende an dieser Phase sind mehrere Aspekte: Zum einen arbeitete er als Knecht nur selten mehr als ein Jahr auf einem Hof. Er wanderte also über die Dörfer. Er beschreibt aber auch seine Bauern. Und auch diese waren offenkundig nicht auf ein Dorf fixiert, sondern lebten in einem über mehrere Dörfer sowie benachbarte Flecken verteilten bürgerlich-bäuerlichen Netzwerk. Wohlgemerkt, diese Geschichte spielt sich ungefähr in den späten 1880er Jahren ab. Das Dorf als solches spielt dabei keine nennenswerte Rolle. Das mag auch mit den Siedlungsgegebenheiten der Marsch zusammen hängen. Aber der Befund entspricht in vielen Punkten dem, was wir aus anderen Studien entnehmen könnten: Dörfer sind zwar keine reinen Recheneinheiten, die lediglich für die Obrigkeit relevant waren, sie waren und sind auch wichtige Siedlungs-und Sozialräume. Aus der Perspektive der einzelnen Akteure sieht es aber oft etwas anders aus.  Dann konkurriert der Sozialraum Dorf mit anderen sozialen Räumen. Unterschiede kann es bei den jeweiligen Gruppen gegeben zu haben, aber der seinen Leben lang an einem Ort verbringende Dorfbewohner stellte sicherlich nur ein von vielen Typen dar.

Dörfer waren nicht nur in Bewegung (so ein Buch von Stephan Beets), sondern die Menschen, die in Dörfern lebten, waren es und zwar in einem sehr hohen Maße. Ich habe allerdings Hemmungen, in diesem Kontext von Migration zu sprechen. Trotz der Bedeutungserweiterung, die dieser Begriff in den letzten Jahren erfahren hat (weg von der vermeintlich einmaligen Wanderung von einem Ort an einen anderen), war Bewegung mehr, nämlich ein integrativer Bestandteil der Existenz von einem vermutlich gar nicht so geringen Teil der Landbevölkerung. Bewegung heißt hier auch Bewegung im realen und im sozialen Raum. Rehbein akzeptiert zwar teilweise die Begrenzungen seiner Knechtexistenz, aber auch nur teilweise, er sucht auch den sozialen Aufstieg.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Endlich

Wer meine letzten Einträge gelesen hat, wird gesehen haben, dass sich manche Selbstdarstellungen im Netz über das Bloggen und die Nutzung anderer Elemente des Web 2.0 einfach nur nerven. Nicht, weil ich das alles für falsch oder überflüssig halte, sondern weil ich dieses Schreiben über Sachen wenig interessiert, sondern das, was ich damit machen kann. Immerhin habe ich heute bei der Durchsicht neuerer Blogs doch zwei Beiträge gefunden, die zeigen, dass es anderen ähnlich ergeht: Ladislaus in einem Kommentar bei Archivalia und Patrick Sahle in einem Kommentar vom Historikertag. Zu Sahle noch ein Hinweis: Solange wir in den Seminaren zusammen zucken, wenn Studierende einen Laptop dabei haben (" die hören mal wieder nicht zu und sehen irgendwelche Filme an"), wird sich da wenig ändern. Derzeit scheint es "schick" zu sein, sich auch mit dem Bloggen und derlei Dingen zu beschäftigen, aber in der Alltagspraxis weiterhin auf die alten Methoden zu setzen.

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